Die Diskussion über den Keks – die mir auf den selbigen geht

Die Diskussion über den Keks – die mir auf den selbigen geht

 

Viele Hundeschulen werben mittlerweile mit einer „leckerliefreien“ Erziehung. Ein Leckerlie oder auch ein Keks würden nur eine Bestechung darstellen. Und auch sehr schlaue Hundebesitzer, die man auf Spaziergängen oder sonst wo trifft, haben ungefragt kluge Ratschläge über die Verwendung eines  Leckerlies, die sie einfach nicht für sich behalten können: „Mit Futter vor der Nase kann mein Hund das auch“ oder „Ihr Hund macht das nur für das Leckerlie“.

In meinem Job als Hundetrainier geht die Diskussion über den Keks dann weiter. Beginnend in den Welpenstunden beim Aufbau der Leinenführigkeit – „Der läuft ja nur dem Keks hinterher“. Meine Antwort: „Stimmt“. „Aber ich will, dass der Hund das für MICH macht“. Ist das überhaupt möglich?

 

Ein Beispiel aus menschlicher Sicht

Gucken wir uns mal ein Beispiel aus der Menschenwelt an. Mathematik. Mathematik kann kompliziert sein. Genauso wie für junge Hunde ein ordentliches „An der Leine laufen“. Es gibt in der Mathematik Differentialgleichungen höherer Ordnung, die mit Hilfe der „Wronsky-Determinante“ zu lösen sind. Und genau dieses Lösungsverfahren lernen Sie jetzt für mich und erklären es mir in - sagen wir- in einer Woche. Denn genau so lange geben die meisten Hundebesitzer ihrem Hund Zeit, um ordentlich „an der Leine laufen“ zu lernen.

Ohne jegliche Motivation wird sich wohl keiner dazu hinreißen lassen. Vielleicht ein kleiner Prozentsatz, sagen Sie jetzt. Und genau dieser Prozentsatz hat eine Motivation – wahrscheinlich das erlernen und beherrschen von Rechenverfahren, die sonst kaum einer kann. Wenn denjenigen, die nicht ohne eigene Triebkraft diese Rechenverfahren lernen und mir beibringen wollen, eine Geldbetrag in beträchtlicher Höhe zahle, werden Sie sich das Angebot wohl überlegen. Dann fangen Sie an zu lernen.

 

Wie lernt der Hund?

Dem einen oder anderen ist die „Konditionierung“ ein Begriff. Evtl. hat auch der ein oder andere im Biologieunterricht etwas über die Arbeit von Pawlow, einen russischer Biologen, gelernt. Pawlow hat bemerkt, dass ein Hund beim Anblick von Futter anfängt zu speicheln. Daraufhin hat er einen neutralen Reiz, einen Klingelton, unmittelbar der Fütterung seiner Hunde vorrausgehen lassen. Nach einiger Zeit hat dann das Ertönen des Klingeltons ausgereicht, um die Speichelsekretion auszulösen. Somit ist aus dem ehemals neutralen Reiz ein konditionierter Reiz geworden. Dies beschreibt das Prinzip der klassischen Konditionierung. Dass die Experten noch zwischen der klassischen und der operanten Konditionierung unterscheiden, will ich uns hier ersparen. Die beiden Lernformen unterscheiden sich nur im Detail, welches in unserem Fall zu vernachlässigen ist. Hunde lernen nun am besten, indem sie Ereignisse oder Vorgänge miteinander assoziieren, also im Gehirn miteinander in Verbindung bringen. Und wenn dieselbe Assoziation nun regelmäßig stattfindet, kann man von einer Konditionierung sprechen. In der Praxis bedeutet das nun, wenn ein Hund sich in der Erwartungshaltung auf ein Leckerlie hinsetzt, ich in diesem Moment das Signal „Sitz“ verbal ausspreche und der Hund dann auch noch unmittelbar danach das Leckerlie bekommt, ist genau so eine Assoziation möglich. Und wenn dieser Vorgang häufig wiederholt wird und der Hund das verbale Signal „Sitz“ mit dem hinsetzten assoziiert, haben wir das Sitz auch konditioniert.

 

Warum lernen Hunde?

Hunde lernen, genau wie wir Menschen auch, um den eigenen Zustand zu optimieren und tuen auch nur etwas, wenn sie einen Eigennutzen davon haben. Anders ausgedrückt: Der Hund ist ein Egoist. Jeder Hund und das ausnahmslos.  Somit muss eine Motivation am Anfang stehen, die den Hund dazu bewegt, eben etwas nach unseren Vorstellungen zu tun. Und in unserem Fall, bei der Hundeerziehung, ist eben das Leckerlie die Grundlage der Motivation.

 

Aber bei mir klappt es auch ohne Leckerlie

Das ist schön. Nur ein Welpe, dem ich mit 10 Wochen das Signal „Platz“ beibringen möchte, wird sich nicht aus purer Nächstenliebe auf den Boden legen und warten bis ich das Kommando wieder auflöse. Und auch der Junghund, der es für wichtiger hält seinen Hobbies nachzugehen als an lockerer Leine neben mir zu laufen, wird mir nicht ohne Motivation seine Aufmerksamkeit schenken. Und wenn jetzt jemand sagt, dass es allein mit streicheln funktioniert, dann wird genau dieses streicheln (oder die Freude die Sie beim Gelingen der Übung empfinden) für Ihren Hund Motivation genug sein, damit er genau das auch noch ein zweites und vielleicht ja auch noch ein drittes Mal macht. Die Frage ist nur, reicht ihm genau diese Motivation immer aus? Spätestens wenn es wichtigere Dinge als Herrchen oder Frauchen gibt (z.B. in der Pubertät), muss man als Mensch schon einiges in die Waagschale legen um den Hund zu motivieren, denn ansonsten motiviert er sich selbst für bestimmte Dinge – und wahrscheinlich passen die Vorstellung von Besitzer und Hund dann nur selten zusammen. Auch wenn Hunde soziale Wesen und glücklich in Gesellschaft von uns Menschen sind, heißt es noch lange nicht, dass ein schrill gesäuseltes Wort wie „Feeiiiiiiin“ als Motivation – und damit als Grundlage für Konditionierung, also Lernen – ausreicht. Also sparen Sie nicht an Belohnung – ihr gelehriger Hund wird es Ihnen danken!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0